Frieden 3224 - Soziologie mit Kafka

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Frieden ist mehr Zuwendung (Talkshow 3224)


Talkshow ins Jahr 2011 downgeloaded, vierstimmig, aus dem Jahre 3.224 n. Chr.,
das ist, wie es jeder aktive Zeitmaschinen-navigator gerne bestätigen wird, rund fünfhundert Jahre nach Ende des finsteren Mittelalters.

Moderatorin Monika
Rabenaas
Lord Sokolow
Al schnucki




Copyright by Sonny Sonntag (sonnyart@freenet.de)


Moderatorin Monika: Moment mal, so können wir nicht anfangen (zeigt auf einen Hund).

Rabenaas: Was denn?

Mod. Monika: Ist das Ihr Hund?

Rabenaas: Der tut nichts.

Mod. Monika: So? Der sieht aus wie ein Kampfhund.

Rabenaas: Soll er. Ist aber ganz friedlich.

Mod. Monika: Friedlich? Eher knurrig, ein Monster.

Rabenaas: Ach was, der will nur mit Ihren Knochen spielen.

Mod. Monika: Mir reicht’s jetzt, ich hole die Friedenspolizei.

Rabenaas: Wozu? Seine Friedenstablette hat er längst gefressen, wie jeden morgen.  

Mod. Monika:
Wie, was jetzt?

Rabenaas: Er schluckt als erstes sein Valium, Frieden ist mehr – na eben so von Innen.

Mod. Monika: Ach, wie bei den letzten Soldaten?

Rabenaas: Richtig, in den alten Operetten – seit Beginn der Weltinnenpolitik brauchen wir nur noch eine kleine Friedenspolizei.

Mod. Monika: Und seitdem ist auch in den Talkshows mehr Frieden, weniger Streit.

Rabenaas: Friedliebende Menschen mögen das – aber, sind wir schon auf Sendung?

Mod. Monika: Huch, ja stimmt, ach je, das gibt mir – ich bin eine Schülerin der Friedlichkeitsschule Hellersdorf, und dies ist Teil meiner Prüfung für die Jugendweihe – das gibt mir jetzt Gelegenheit, unsere Zuschauer zum Thema „Frieden ist mehr Zuwendung" zu begrüßen und meine Teilnehmer vorzustellen: Rabenaas, der marxistisch-orthodoxe Rabulist. Ich frage jeden erst mal kurz, Frieden ist mehr so ... ja was denn?

Rabenaas: Frieden ist gezähmte Gier.

Mod. Monika: Ich begrüße nun Lord Sokolow aus der Ukraine, Historiker der Rüstungskontrolle, also, gezähmte Gier, eine Gratwanderung?

Lord Sokolow: Das war nur eine Vorübung, wirklicher Frieden gelang erst mit mehr Zuwendung und weniger Abschreckung.

Mod. Monika: Zuwendung?

Lord Sokolow: Ja, weil damals hätte jeder mehr Liebe vertragen, als er bekam und jeder hätte mehr Liebe geben können, als er los wurde. Passt doch! Als es endlich einer merkte, startete ein Abrüstungswettlauf.
Mod. Monika: Und ich begrüße die Wandlerin aller Gesellschaften, unsere Al schnucki ben hacki ibn Kabelsalat, aus der c-base Berlin. Echter Frieden, nach Jahrtausenden voller Krieg, war dieser Frieden programmiert?

Al schnucki: Ohne Programm läuft nichts, Frieden war und ist viel KE, Künstliche Emotion.

Mod. Monika: Aha, mit der menschlichen Emotion war wohl kein Frieden machbar?

Al schnucki: Frieden war beim Menschen vage Sehnsucht, nervöse Träumerei.

Lord Sokolow: Was es gab, war Waffenstillstand. Hin und wieder mal.

Rabenaas: Wie beim Jäger zwischen zwei Mahlzeiten. Frieden mehr so als Mittagsschlaf, und sowieso nicht aus Überzeugung.

Al schnucki: Es gab ja auch noch Knappheit, Elend, Hunger. Es gab noch nicht einmal die feinen Schnitzel und Steaks aus parfümierter Zellulose.

Rabenaas: Eben, ins echte Gras beißen, harte Bretter vor dem Kopf, so was weckt Aggressionen.

Mod. Monika: Wie kam es historisch zum Unfrieden?

Lord Sokolow: Das hatte zunächst was mit dem Fressen und Gefressen werden zu tun.

Rabenaas: Frieden auf dem Schlachtfeld kann nicht sein.

Mod. Monika: Was war ein Schlachtfeld?

Rabenaas:
Da wurden früher die Soldaten geschlachtet.

Mod. Monika: Aber doch nicht gefressen!

Rabenaas: Na ja, also anfangs schon.

Lord Sokolow: Ja sicher, in Afrika, sogar die meiste Zeit der Menschheit, etwa fünf Millionen Jahre lang war das durchaus üblich.

Al schnucki: Nur in den letzten paar Jahrtausenden da gab es lauter Schlachtfelder ohne Recycling.  

Mod. Monika: Was, nicht mal für Hundefutter?

Al schnucki: Das hätte die Pietät verletzt. Trotz Hunger.

Lord Sokolow: Na ja, eine echt verquere Art Pietät. Dafür gab es mitten im Krieg diese betulich grausamen Religionen. Waffen wurden gesegnet.

Al schnucki: Kafka lässt grüßen.

Mod. Monika: Aber so penetrante Gewalt?

Rabenaas: Weil es diese Rüstungsfirmen gab.

Mod. Monika: Was war Rüstung, so rostige Ritterkostüme?

Lord Sokolow: Alles, was den Krieg effektiv machte. Eine Ritterrüstung, später wuchtige Panzerfahrzeuge mit Ketten fürs Gelände, so was sollte den Menschen schützen.

Rabenaas: Aber die Angriffswaffen, Bomben, waren meistens wirksamer.

Mod. Monika: Bomben waren doch in China erst nur für Karneval?

Rabenaas: Ja schon, aber sie wurden bald zum perversen Werkzeug, um was kaputt zu machen.

Mod. Monika: Wie blöd!

Lord Sokolow: Gar nicht blöd. Man wollte dem anderen was wegnehmen.

Mod. Monika: Noch blöder.

Lord Sokolow: Es gab damals nicht alles im Überfluss

Mod. Monika: Noch mal blöder. Unproduktiv, schadet allen mehr, als es nützt.

Al schnucki: Das ahnte man schon damals. Aber bei Knappheit, Hunger, da schien es Sinn zu machen, jemand was wegzunehmen.

Lord Sokolow: Noch dazu meinten die Politiker, der Mensch müsse arbeiten. Erst mit dem Maxi-Lohn, niemand bekommt mehr als fünfmal Mini-Lohn, war das schnell vorbei. Die Reichen wollten plötzlich, dass der Mini-Lohn anständig ist.

Al schnucki: Die Roboter, die Automaten übernahmen die Arbeit. Der Mensch wurde von ihnen fürsorglich gefüttert, versorgt. Aber davor hatte es echte Knappheit wirklich gegeben.

Mod. Monika: Ach so, also das muss man sich erst mal vorstellen.

Rabenaas: Und wegnehmen kann Spaß machen. Nach der Erstürmung einer mittelalterlichen Burg wurden oft mehr Menschen gezeugt, als vorher umgebracht.

Mod. Monika: Ich nenne das Vergewaltigung.

Rabenaas: Na ja, man musste sich abreagieren, ausagieren, friedlich wäre anders.

Mod. Monika: Von da zum Frieden, wie soll das gehen?

Lord Sokolow: Lange nicht, erst über Vertrauensbildende Maßnahmen.

Mod. Monika: Sogar bei Arabern und Israelis?

Lord Sokolow: Genau. Aber erst während der zweiundzwanzigsten Generation von Palästinensern in Flüchtlingslagern, auf Müllhalden wie im Libanon.

Al schnucki: Ja, erst mit Ende des Mittelalters. Dabei hatten sogar Historiker um das Jahr 2000 gemeint, das gewalttätige Mittelalter sei schon vorbei.

Mod. Monika: Was brachte die Wende?

Lord Sokolow: Es hatte Unfälle und Anschläge mit Atomwaffen gegeben. Nationale Grenzen verschwanden, es ging nur noch um Gebiete mit mehr oder weniger Radioaktivität.

Mod. Monika: Aber der Antisemitismus?

Lord Sokolow: Verschwand mit den Politikern, die waren wegen der Radioaktivität auf eine Südseeinsel emigriert, ein einsichtiger Tsunami riss sie in die Tiefsee.

Rabenaas: Dort ist Frieden mehr so Friedhof.

Mod. Monika: Und von da an vertrugen sich die Bevölkerungen?

Al schnucki: Locker. Es gab nämlich in Israel und in Palästina je eine Barenboim Gesellschaft.

Lord Sokolow: Das war der Anfang.

Mod. Monika: Wie kam der Durchbruch?

Al schnucki: Liberale Computer haben die Willkür aus den Religionen heraus genommen, mitsamt Fundamentalismus.

Mod. Monika: Super!

Al schnucki: Ja, die natürliche Religiosität war plötzlich was menschlich Gemeinsames.

Rabenaas: Sogar Theologen konnten plötzlich Blasphemie und Offenbarung auseinanderhalten, ich meine richtig ehrlich.

Lord Sokolow: Und die kalten Krieger verschwanden, weil niemand mehr Terroristen und Freiheitskämpfer unterscheiden musste.

Mod. Monika: Darauf hatte man Jahrtausende gewartet? Ich dachte Frieden ist mehr.

Rabenaas: Nicht wirklich, Krieg war Opium für die Politiker, und Opiumplantage für die Rüstungsindustrie. Frieden ist ein Naturzustand. Hunger war organisatorisch fast immer reine Schlamperei.

Mod. Monika: Und wo ist die Aggression geblieben?

Rabenaas: Liebesbisse und Computerspiele genügen.

Mod. Monika: Hm! Aber damals gab es noch diese Waffenfetischisten.

Al schnucki: Waffen kamen allesamt aus der Mode. Frieden war mehr so gute Streitkultur, das wollten alle, und wenn da einer eine Waffe dabei gehabt hätte, ein Spielverderber, also so was gehörte sich einfach nicht mehr.

Rabenaas: Genau, es wäre so, als ob einer bei einem feinen Buffet einfach auf das weiße Tischtuch scheißen würde.

Mod. Monika: Igitt, alles außer Frieden war einfach ekelhaft. Und jeder machte mit?

Al schnucki: Im Prinzip ja – also, nur ein paar besonders blöde Hunde, kaum je ein Mensch, bekommt heute noch vorsorglich eine kontrollierte Dosis Friedenspillen. Inzwischen bleiben fast alle von alleine friedlich.

Rabenaas: Ja praktisch alle, nicht mal mein Hund würde ... – oh, er ist eingeschlafen.

Mod. Monika: Ja, Frieden ist mehr Zuwendung, auch Streit, immer füreinander, wie hier bei uns. Ich danke für das Gespräch –  das wir übrigens diesmal auch zum upload in die Vergangenheit, bis zurück ins finstere Mittelalter um das Jahr 2000 freigeben – wir wollen zeigen, Frieden kann alltäglich sein, voller Zuwendung füreinander.

 
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